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Dienstag, 2. April 2024

Populismus: eine „dünne Ideologie“

An unterschiedlichen Stellen hier im Blog wurde bereits auf eine Definition von Populismus zurückgegriffen, die ihn als eine „dünne“ (oder alternativ auch „thin-centered“) Ideologie bezeichnet. Beispiele für diese Stellen sind diese, diese, diese und diese. Bereits 2017 wurde im Rahmen einer Buchvorstellung auf den Populismus als „dünne Ideologie" verwiesen. Dieser Beitrag will sich zum einen der Genese des Begriffes „dünne Ideologie“ und zum anderen der Populismus-Definition von Cas Mudde, auf die im Blog zuweilen rekurriert wird, widmen.

Der Begriff der „dünnen Ideologie“ geht auf Michael Freeden zurück, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner Untersuchung, ob Nationalismus eine eigenständige Ideologie ist, am Mansfield College an der Universität Oxford forschte und lehrte. Freeden beschrieb den Nationalismus 1998 in einem Beitrag des Journals „Political Studies“ als eine dünne („thin-centered“) Ideologie. Er definierte „dünne Ideologie“ als eine Ideologie, die sich willkürlich von breiteren ideellen Zusammenhängen abkoppelt, indem sie bewusst Konzepte entfernt und ersetzt. Die Folge sei eine strukturelle Unfähigkeit zu komplexen Argumentationsketten (vgl. Freeden 1998, S. 750).

Im Gegensatz zu dünnen Ideologien hätten eigenständige („distinct“) Ideologien einen einzigartigen Kern und auch die übernommenen Muster seien einzigartig. Vollständige („full“) Ideologien gäben eine recht breite, wenn nicht gar umfassende Palette von Antworten auf die politischen Fragen, die Gesellschaften aufwerfen (vgl. ebd.). Umfassende („comprehensive“) Ideologien böten Lösungen für Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Ressourcenverteilung und der Konfliktbewältigung (vgl. ebd., S.751).

Der Nationalismus erfülle die Kriterien einer umfassenden Ideologie nicht und oszilliere zwischen einer eigenständigen dünnen Ideologie und einem Bestandteil einer bereits bestehenden Ideologie (vgl. ebd.). Er erscheine als plastisches Gebilde, in dem sich die noch größere Komplexität seines Wirts („host containers“) widerspiegele. Wenn er gelegentlich versuche, für sich alleine zu stehen, komme seine ideelle Schwäche zum Vorschein (vgl. ebd., S.765).

Taggart (2000) schreibt dem Populismus ein „leeres Herz“ zu: er habe – im Gegensatz zu manch anderen Ideologien – keine Bindung an Leitwerte. Damit erklärt er, weshalb Populismus häufig als Adjektiv an andere Ideologien angehängt ist: die anderen Ideologien füllen den Raum im leeren Herzen des Populismus (S. 4).

Fieschi (2004) führte diese beiden Überlegungen Taggarts und Freedens zusammen (S. 238). Die Unfähigkeit des Populismus, alleine (also außerhalb eines ideologischen Wirtskörpers) zu stehen, führe zu dessen selbstbegrenzender Natur. Dies sei mit der Dünn-Zentriertheit des Nationalismus vergleichbar, die Freeden (1998) als Wesensmerkmal des Nationalismus erkannte. Deshalb betrachtet Fieschi (2004) den Populismus als „politischen Parasiten“ (S.236). Die selbstbegrenzende Natur des Populismus (Taggart 2000, S. 118) könne sogar das markanteste Merkmal des Populismus sein (Fieschi 2004, S. 238), und er ist dabei diffus und offen zugleich: diffus, weil er keinen programmatischen Kern hat, und offen, weil er mit anderen umfangreicheren Ideologien zusammenleben kann (vgl. Stanley 2008, S. 99f).

Die „chamäleonhafte Erscheinungsform“ (Priester 2012, S. 36) des Populismus, die Tatsache, „dass er Verbindungen mit verschiedenen, teilweise gegenläufigen politischen Inhalten eingehen könne“ (Decker 2000, S. 38) führt zu grundlegenden Überlegungen darüber, ob der Populismus überhaupt eine Ideologie ist oder ob er dafür zu schwach ist. So wird der Populismus unter anderem als „etwas einer Ideologie Vorgelagertes“ (Priester 2012, S. 40) und als Denkstil bzw. Mentalität verstanden (vgl. ebd., S. 41).

Mudde (2004) gesteht dem Populismus nicht „das gleiche Maß an intellektueller Raffinesse und Konsistenz wie beispielsweise de[m] Sozialismus oder de[m] Liberalismus“ (S. 178) zu. Er sei „nur eine dünne Ideologie, die einen begrenzten Kern aufweist, der mit einem engeren Spektrum politischer Konzepte verbunden ist“ (ebd.). Der dünne Populismus könne „leicht mit sehr unterschiedlichen (dünnen und komplexeren) anderen Ideologien […] [wie] Kommunismus, Ökologismus, Nationalismus oder Sozialismus [kombiniert werden]“ (ebd.).

Später definiert er Populismus als „dünne Ideologie, nach der die Gesellschaft letztlich in zwei homogene antagonistische Lager gespalten ist, „das anständige Volk“ und die „korrupte Elite“, und Politik ein Ausdruck der volonté générale (Gemeinwillen) des Volkes sein sollte“ (Mudde/Kaltwasser 2019, S. 25). Dieser „ideenorientierte[…] Ansatz“ ist dabei „nur eine[r] von zahlreichen Zugängen zum Populismus“ (ebd., S. 21).

Die Verwendung des ideenorientierten Ansatzes bringe dabei folgende Vorteile: seine Durchlässigkeit werde erklärbar (ebd., S. 43); er könne erklären, weshalb unterschiedliche politische Akteure mit dem Populismus in Verbindung gebracht werden (ebd., S. 44); er könne sein wechselhaftes und komplexes Verhältnis (je nach Stadium der Demokratisierung) zur Demokratie erklären (ebd.) und er berücksichtige sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite der populistischen Politik (ebd.).

Abgeschlossen werden soll dieser Beitrag mit einem Hinweis auf die Relevanz der Trennung von Populismus und seinen Wirtsideologien. Eine Verwechslung von Wirt und Gast, dem Populismus, kann dafür sorgen, dass die Auswirkungen des Populismus an den Stimmenanteilen populistischer Parteien überschätzt werden. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor populistischer Parteien liegt in ihrer Programmatik und diese kann nicht der Populismus, sondern nur die entsprechenden Wirtsideologie liefern (vgl. Dai 2023).

Literatur 

  • Dai, Yaoyao (2023): Don’t exaggerate the importance of populism. (TheLoop vom 02.08.2023) <https://theloop.ecpr.eu/dont-exaggerate-the-importance-of-populism/> (18.03.2024).
  • Decker, Frank (2000): Parteien unter Druck. Der neue Rechtspopulismus in den westlichen Demokratien, Springer Fachmedien: Wiesbaden.
  • Freeden, Michael (1998): Is Nationalism a Distinct Ideology?. In: Political Studies 46(4), S.748-765.
  • Mudde, Cas (2004): Der populistische Zeitgeist. In: Müller, Kolja (Hrsg.): Populismus. Ein Reader, Suhrkamp: Berlin, 175-201.
  • Mudde, Cas/Kaltwasser, Cristóbal Rovira (2019): Populismus. Eine sehr kurze Einführung, J.H.W. Dietz Nachf.: Bonn.
  • Priester, Karin (2012): Rechter und linker Populismus. Annäherung an ein Chamäleon, Campus: Frankfurt.
  • Stanley, Ben (2008): The thin ideology of populism. In: Journal of Political Ideologies 13(1), S.95-110.
  • Taggart, Paul (2000): Populism, Open University Press: Buckingham.

Samstag, 6. August 2022

Populismus und Popkultur

In diesem Beitrag stellt Clara Hirn folgenden Aufsatz vor:

Klingmann, Heinrich (2022): POPulismus, POPkultur und Pop-Didaktik; in: Beate Flath u.a. (Hg.): Druckwellen, Eskalationskulturen und Kultureskalationen in Pop, Gesellschaft und Politik, S. 57-74.

Heinrich Klingmann thematisiert in dem Kapitel seines Buches den Hintergrund und die Beweggründe für die Rede Campinos nach der Echo-Preisverleihung 2018, welche die Hip-Hop-Künstler Kollegah und Farid Bang gewannen. Außerdem behandelt der Autor die Unterschiede zwischen Populismus, Popkultur und Pop-Didaktik in der heutigen Kultur und die Einflüsse des (Rechts-)Populismus auf die zwei anderen Begriffe Popkultur und Pop-Didaktik.

Freitag, 29. Juli 2022

Populismus und (politische) Bildung

In diesem Beitrag stellt Lou Chiara Hildenbrand folgenden Aufsatz vor:

Nuissl, Ekkehard / Popović, Katarina (2020): Populismus und Bildung; in: Zeitschrift für Weiter-bildungsforschung 43, 3/2020, S. 339-355, online unter: https://link.springer.com/article/10.1007/s40955-020-00173-0.

Unter Populismus versteht man eine politische Bewegung, die die Interessen des Volkes vertritt, d.h. Populismus idealisiert das Volk und feindet die Elite an. Populismus findet sich weltweit in staatlichen, politischen und sozialen Kontexten wieder. Politiker behaupten, die Interessen des Volkes zu vertreten, indem sie mittels populistischer Taktiken zu einer diskursiven Verschiebung öffentlicher Debatten hin zu wichtigen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen beitragen (z.B. „durch politische Aktionen wie Protestkundgebungen, Aufmärsche, Ansammlungen“) (S. 340).

Freitag, 15. Juli 2022

Populismus und Energiewende

In diesem Beitrag stellt Yannick Kinzler folgenden Text vor:

Fritz Reusswig, Beate Küpper, Wiebke Lass, Seraja Bock, Julia Schatzschneider (2021): DEMOKON - Research Paper 1, Populismus und Energiewende; online unter: https://demokon.de/files/downloads/demokon_rp1.pdf.

Der behandelte Text entspringt dem Forschungsvorhaben DEMOKON („Eine demokratische Konfliktkultur für die Energiewende“). Die Autor*innen stellen sich unter anderem die Fragen, inwiefern sich Populismus auf die Energie- und Klimapolitik in Deutschland auswirken könnte, die damit einhergehende Bedeutung sowohl für die nationale als auch die internationale Klimadynamik, und was man tun kann, um den demokratischen Charakter der Energiewende zu bewahren (vgl. S. 4). Hierzu „werden im DEMOKON-Projekt viele konkrete Fallbeispiele intensiv beforscht“ (S. 11). Die im Text beschriebenen Untersuchungen beziehen sich auf die Energiewende in Deutschland (vgl. S. 5).

Um etwas zu Populismus und Energiewende sagen zu können, muss allerdings zunächst geklärt werden, was in diesem Text unter dem Begriff ‚Populismus‘ verstanden wird. Die Autor*innen wählen einen pluralistisch-integrativen Zugang. Demnach ist Populismus „ein komplexes und vielschichtiges soziales und politisches Phänomen, das sich nur als „Dreiklang“ aus Strategie, Diskurs und Ideologie fassen lässt“ (S. 11).

Freitag, 12. November 2021

Online-Vortrag zur populistischen Herausforderung der europäischen Parteiensysteme

Im Rahmen einer Vortragsreihe des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung steht am 24. November 2021 ab 17:00 Uhr ein besonders vielversprechender Beitrag an. Catherine E. De Vries wird zum Thema "Political Entrepreneurs and Populism" sprechen. Der Vortrag wird als Online-Vortrag über Zoom durchgeführt und man kann sich bei folgender Mailadresse anmelden: info@mpifg.de

Zum Thema: The rise and fall of populist parties across Europe has attracted much attention. But is this a new phenomenon? In this talk, Catherine E. De Vries suggests not. Populist parties can be seen as a type of challenger parties, that is, political entrepreneurs without government experience seeking to disrupt the dominance of mainstream parties. She discusses how ongoing changes in European party systems compare with previous waves of challenger parties, including social democratic and green parties. She then presents the core strategies used by successful challengers, namely issue entrepreneurship and anti-establishment rhetoric, as they mobilize issues that give them an electoral advantage and attack the competence of the established political parties. Finally, she considers what the rise of challenger parties may mean for democracy in Europe.

Zur Person: Catherine E. De Vries is Professor of Politics in the Department of Social and Political Science and the Dondena Research Centre at Bocconi University in Milan. She has recently published a new book "Political Entrepreneurs: The Rise of Challenger Parties in Europe", co-authored with Sara B. Hobolt, with Princeton University Press.

Donnerstag, 8. Juli 2021

Rechtspopulismus in Brasilien

In diesem Beitrag stellt Miriam Nonnenmacher folgenden Aufsatz vor:

Flemes, Daniel (2018): Wahl in Brasilien: Rechtspopulismus auf dem Vormarsch; in: GIGA Focus Lateinamerika 5/2018, Hamburg: GIGA German Institute of Global and Area Studies - Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien, Institut für Lateinamerika-Studien, online unter: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-59176-2.

Der Artikel von Flemes wurde zwei Wochen vor der brasilianischen Präsidentschaftswahl 2018 geschrieben. Hier werden rechtspopulistische Merkmale von Jair Bolsonaro analysiert, die tiefe Krise Brasiliens, welche einen fruchtbaren Boden für Autoritarismus bildet, wird beschrieben und die Gegenkandidaten werden mit Bolsonaro verglichen.

Dienstag, 6. Juli 2021

Ökonomische Wurzeln des Populismus

In diesem Beitrag stellt Vivien Kraft folgenden Aufsatz vor:

Petersen, Thieß (2018): Ökonomische Wurzeln des Populismus; in: Wirtschaftsdienst – Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, Springer, 98 9/2018, S. 638-643, online unter: http://hdl.handle.net/10419/213678.

In diesem Artikel stellt Petersen auf der Grundlage empirischer Daten die ökonomischen Ursachen als Einflussfaktor für das Erstarken des Populismus dar, wobei er betont, dass diese zwar nicht hinreichend für die Erklärung der Entwicklung populistischer Tendenzen sind, jedoch diesbezüglich eine nicht unbedeutende Rolle einnehmen (vgl. S. 638).

Das Erstarken populistischer Parteien und Politiker ist demnach unter anderem auf die ökonomische Globalisierung und die zunehmende Technologisierung zurückzuführen, da diese, wie nachfolgend beschrieben wird, bei bestimmten Personengruppen innerhalb entwickelter westlicher Volkswirtschaften ursächlich für sowohl tatsächliche negative Beschäftigungs- und Einkommenseffekte als auch für die Angst vor potenziellen negativen Auswirkungen ist (vgl. S. 638, 643). Denn nicht zuletzt führen diese Aspekte dazu, dass „das Vertrauen in die politischen Parteien reduziert […] [und] die Haltung der von dieser Verunsicherung betroffenen Menschen gegenüber Zuwanderern negativer bzw. ablehnender“ wird. (S. 638).

Samstag, 26. Juni 2021

Sorgen und Ängste als Ursachen für Populismus?

In diesem Beitrag stellt Maren Dümeland folgenden Aufsatz vor:

Droste, Luigi (2019): Treiben Sorgen und Ängste den »populistischen Zeitgeist«? Eine Untersuchung von Erscheinungsformen, Verbreitung und Determinanten populistischer Einstellungen; in: Lübke/Delhey (Hrsg.): Diagnose Angstgesellschaft? Was wir wirklich über die Gefühlslage der Menschen wissen, transcript Verlag, S. 223-254, online unter: ResearchGate.

Populismus scheint sich in den westlichen Demokratien des 21. Jahrhunderts immer weiter zu etablieren. Es bildet sich ein „populistischer Zeitgeist“ (Mudde) und der Anteil von Wählern populistischer Parteien steigt. Wie kommt es zum Aufstieg der Parteien? Wer sind die Wähler und was treibt sie an? Diesen Fragen geht Luigi Droste in seiner 2019 veröffentlichten Untersuchung nach.

Als ein Grund werden „Ängste und Sorgen als Treiber der Popularität des Populismus“ genannt (S. 223): Statussorgen bei Teilen der gesellschaftlichen Mitte, bei der Globalisierung nicht mithalten zu können. Diese Angst führt zum Sympathisieren und Wählen populistischer Parteien. Bisher finden sich in der Literatur wenig empirische Studien über den Zusammenhang zwischen Populismus und Ängsten und Sorgen der Gesellschaft. Auch andere Stimmungslagen wie Frustration und Hilflosigkeit können eine Rolle spielen und werden in die Untersuchung miteinbezogen.

Sonntag, 20. Juni 2021

Demokratie, autoritärer Populismus und Kapitalismus

In diesem Beitrag stellt Ibrahim Büyükasik folgenden Aufsatz vor:

Van Dyk, Silke (2019): Über den Wandel des Politischen. Die Demokratie im Zangengriff von autoritärem Populismus und autoritärem Kapitalismus; in: Nicole Burzan (Hg.): Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen. Verhandlungen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen 2018, online unter: https://publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband_2018/article/download/1155/1276.

Einleitend wird die These aufgestellt, dass die aktuelle Gefährdung demokratischer Systeme nur zu verstehen ist, wenn der antidemokratische Zangengriff von autoritärem Populismus und autoritärem Kapitalismus analysiert wird (S. 1). Um diese These zu untersuchen, wird zu Beginn der „Aufstieg der neuen Rechten“ thematisiert. Demnach sind die Wahlerfolge Donald Trumps, der FPÖ, der AfD sowie das Erstarken weiterer populistischer Akteure wie z.B. Viktor Orban oder Jair Bolsonaro ein deutliches Indiz dafür, dass „rechte und nationalistische Kräfte auf dem Vormarsch sind.“ (S. 1).

Diese politischen Kräfte, die eine typisch populistische Politik verfolgen, inszenieren sich als eine starke Führung, die sich als Ziel gesetzt hat, die Interessen des homogenen Volkes gegen das „Establishment“ zu verteidigen. Die durchaus gerechtfertigte Kritik an den autoritären Populisten beschreibt Van Dyk hierbei als Problematisierung jener Populisten, die jedoch auch mit einem Entproblematisieren der Verhältnisse im Neoliberalismus zusammenhängt.

Samstag, 12. Juni 2021

Populismus, Extremismus und AfD

In diesem Beitrag stellt Ayce Idil Özgül folgenden Aufsatz vor:

Jesse, E. / Panreck, I. (2017): Populismus und Extremismus: Terminologische Abgrenzung. Das Beispiel der AfD; in: Zeitschrift für Politik 64, 1/2017, S. 59-76, online unter: https://www.jstor.org/stable/26429640.

Extremismus und Populismus sind zwei Begriffe, die beim ersten Hören stark miteinander verbunden werden und dennoch so verschieden in ihrer Bedeutung sind. Es sind zwei Begriffe, welche scharf voneinander getrennt werden sollten. Das wird am Beispiel der AfD untersucht, einer Partei, welche sich neu in die deutsche Parteienvielfalt eingebracht hat und vorerst auch bleiben wird. Wie ist sie einzustufen? Welcher der beiden Begriffe passt am besten zu ihr und wieso?

Freitag, 11. Juni 2021

Mit direkter Demokratie gegen Populismus?

In diesem Beitrag stellt Leon Glückert folgenden Aufsatz vor:

Stojanovic, Nenad (2018): Direkte Demokratie gegen Populismus; in: Sozialalmanach 2018: Wir und die Anderen: Nationalismus. Luzern: Caritas-Verlag, online unter: https://nenadstojanovic.ch/wp-content/uploads/2018/02/Stojanovic_2018_DDgPopulismus.pdf 

Dr. Nenad Stojanovic von der Universität Luzern behauptet, dass „eine lebendige Direkte Demokratie den Erfolg populistischer Bewegungen konstant und strukturell untergraben [kann]“ (Stojanovic 2018). Anhand der vorliegenden These besteht das Ziel des Essays darin, die allgemeine Skepsis vor einer direkten Demokratie abzumildern bzw. gänzlich zu nehmen.

Ein gelungenes Beispiel für direkte Demokratie bildet für Stojanovic das Schweizer Modell, insbesondere mit seinen Instrumenten „Volksinitiative und faktitives Referendum“ (Stojanovic 2018). Ob es nun der Föderalismus, Neutralität oder das Bankgeheimnis war, alle wurden in den letzten Jahren stark reformiert. Die Direkte Demokratie hingegen gilt nach wie vor als „heilige Kuh“ der Eidgenossenschaft (vgl. Stojanovic 2018).

Montag, 31. Mai 2021

Rechtspopulismus und Soziale Medien

In diesem Beitrag stellt Hannah Hofmann folgenden Aufsatz vor:

Ott, Christine / Gür-Şeker, Derya (2019): Rechtspopulismus und Social Media: Wie Wortgebräuche in Social Media sprachkritisch betrachtet werden können; in: Beißwenger, M. / Knopp, M. (Hrsg.): Soziale Medien in Schule und Hochschule: Linguistische, sprach- und mediendidaktische Perspektiven, Peter Lang Verlag, S. 279-285.

Die Autorinnen beginnen ihren Aufsatz mit der Frage, was denn (Rechts-)Populismus überhaupt sei. Sie kommen zu dem Fazit, dass Populismus eine Ideologie, politische Logik oder auch einen Politikstil bezeichnet (vgl. S. 280). Dabei gehen PopulistInnen wie folgt vor:

„PopulistInnen nehmen für sich in Anspruch, für das (wahre) Volk zu sprechen. Alle anderen (i.d.R.: politischen) AkteurInnen könnten dies nicht, z.B. weil sie sich als ‚Elite‘ von diesen entfernt hätten […]“ (S. 280).

Ebenso äußern sie, dass „[…] BürgerInnen, die abweichende Positionen vertreten, nicht zum ‚wahren Volk‘ gehörten“ (S. 281). Ott und Gür-Şeker fahren fort, indem sie klarstellen, wodurch sich der Populismus überhaupt auszeichnen würde. Da ich die Auflistung als sehr informativ und aufschlussreich empfinde, habe ich diese mit in die vorliegende Zusammenfassung aufgenommen. „[…] Populismus zeichnet sich aus durch

  • die Kombination aus Anti-Pluralismus und Anti-Elitarismus,
  • die Glorifizierung einer mehr oder weniger klar definierten Wir-Gruppe (‚das Volk‘),
  • die Verunglimpfung einer davon abgegrenzten herrschenden ‚Elite‘ […],
  • ein Absolutsetzen der Volkssouveränität und der damit in Verbindung gebrachten direkt-demokratischen Entscheidungsprozesse […],
  • die Berufung auf den gesunden Menschenverstand (common sense) sowie dessen Inanspruchnahme für sich“ (S. 281).

Donnerstag, 6. Mai 2021

Populismus in Asien

In diesem Beitrag stellt Ina Lauter folgenden Aufsatz vor:

Plagemann, Johannes / Ufen, Andreas (2017): Spielarten des Populismus in Asien (GIGA Focus Asien, 7), Hamburg: GIGA German Institute of Global and Area Studies - Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien, Institut für Asien-Studien (Online-Version).

Populismus ist nicht nur in Europa ein aufsteigendes Phänomen, sondern zeigt sich ebenfalls im asiatischen Raum. Der Aufsatz thematisiert Populisten und deren Außenpolitik in höchsten Ämtern, die Teil des Populismus im asiatischen Raum sind:

  • Thailand: der ehemalige Premierminister Thaksin Shinawatra (2001-2006)
  • Philippinen: der seit 2016 amtierende Präsident Rodrigo Duterte
  • Indien: der seit 2014 amtierende Premierminister Narendra Modi

Freitag, 30. April 2021

Wirkung populistischer Kommunikation in den Medien

In diesem Beitrag stellt Lorena Topic folgenden Aufsatz vor: 

Schemer, Christian / Wirth, Werner / Wettstein, Martin / Müller, Philipp / Schulz, Anne / Wirz, Dominique (2018): Wirkung populistischer Kommunikation. Populismus in den Medien, Wirkungen und deren Randbedingungen; in: Communicatio Socialis: ComSoc 51 (2): S.118-130; https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/0010-3497-2018-2-118/wirkung-populistischer-kommunikation-populismus-in-den-medien-wirkungen-und-deren-randbedingungen-jahrgang-51-2018-heft-2

Der Aufsatz gibt zunächst eine Einführung in das Verständnis von Populismus, um anschließend den Populismus aus einer kommunikationswissenschaftlichen Inhalts- und Wirkungsperspektive zu betrachten und die mediale Präsenz und Darstellung populistischer Akteure zu thematisieren. Die Einteilung der politischen Welt in drei Akteursgruppen und die Beschreibung des Verhältnisses dieser drei Gruppen zueinander wird als Kern des Populismus, einer dünnen Ideologie mit sehr konkreten Vorstellungen, verstanden.

Die erste Gruppe ist das Volk als monolithische Einheit mit einheitlichem Willen. Als zweiten Akteur gibt es Regierungen, etablierte Parteien und andere gesellschaftliche Funktionseliten, die angeprangert werden, dem Volk absichtsvoll zu schaden, da sie den vermeintlichen Volkswillen missachten und somit das Volk nicht angemessen repräsentieren. Als dritte Gruppe gibt es die PopulistInnen als Heilsbringer, die vorgeben, den wahren Volkswillen zu repräsentieren und die unbeschränkte Souveränität des Volkes wiederherzustellen. Zudem kennzeichnet sich der Populismus durch die Exklusion weiterer sozialer Gruppen (Rechtspopulismus: Exklusion von ethnischen Minderheiten; Linkspopulismus: Abwertung der Wirtschafts- und Finanzelite).

Die Medienpräsenz hat für den Wahlerfolg populistischer Bewegungen eine große Bedeutung. PopulistInnen nutzen bestimmte Botschaften, Kommunikationsstrategien und -stile und stellen Themen, die ihnen zu medialer Präsenz verhelfen, in den Vordergrund. Der Handlungsdruck auf etablierte Gruppen und Parteien und die Virulenz von Themen wird erhöht, indem sich die populistischen Bewegungen auf Themen fokussieren, die als Krisen der bestehenden Ordnung gesehen und für die die etablierten Parteien verantwortlich gemacht werden können. Dabei werden meist für komplexe Probleme simple Lösungen vorgeschlagen, die jedoch selten umsetzbar sind.

Hierbei umfassen die populistischen Kommunikationsstrategien inhaltliche Aussagen, welche die in der populistischen Ideologie verankerten politischen Ideen reflektieren (Ablehnung etablierter politischer Eliten, die Fokussierung auf ein vermeintlich homogenes Volk etc.). Im Hinblick darauf können drei Arten des journalistischen Umgangs mit populistischen Kommunikationsstrategien definiert werden: JournalistInnen können

  • zum einen als Gatekeeper fungieren und PopulistInnen auf diesem Weg eine Plattform bieten oder
  • zum anderen als InterpretatorInnen fungieren und beispielsweise kritisch oder negativ über populistische Akteure berichten.
  • Als dritte Möglichkeit können JournalistInnen selbst populistisch kommunizieren, jedoch unabhängig von politischen Motiven.

Donnerstag, 22. April 2021

Minkenberg: Was ist Rechtspopulismus?

In diesem Beitrag stellt Leon Maier folgenden Aufsatz vor:

Minkenberg, Michael (2018): Was ist Rechtspopulismus?; in: Politische Vierteljahresschrift 59, S. 337–352 (2018), https://doi.org/10.1007/s11615-018-0076-x 

„Die Rechtspopulismus-Definitionen reichen von einer primären Verortung als („dicke“ oder „dünne“) Ideologie über seine Bestimmung als Strategie bis hin zur Einordnung als Rhetorik bzw. Diskurs oder als politischer Stil“ (S. 338)

Der Beitrag von Michael Minkenberg stellt den Versuch dar, Rechtspopulismus von älteren Kategorien wie Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus abzugrenzen. Insbesondere wird der Frage nachgegangen, ob Rechtspopulismus als Etikett für eine gewisse Parteienfamilie geeignet sei. Hierbei argumentiert Minkenberg, dass:

„ … Rechtspopulismus so wie er weitgehend in der öffentlichen und akademischen Diskussion verwendet wird, keine klaren ideologischen Merkmale aufweist und nur neue analytische Unschärfe ins Spiel bringt.“ (S. 337)

So ist der Begriff „Rechtspopulismus“ laut Autor weder imstande, die älteren Begriffe (Rechtsextremismus, Rechtsradikalismus) abzulösen, noch einen Oberbegriff einer Parteienfamilie darzustellen.

Dienstag, 9. März 2021

Rechtspopulistische Kommunikation in Österreich - Wie die FPÖ den politischen Diskurs prägt

Die politische Landschaft in Österreich ist schon lange durch rechte Parteien geprägt (Tóth 2015, S65f.). Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern profilierte sich dort die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) bereits Anfang der 1980er Jahre als Regierungspartei. Im Jahr 1956 wurde sie aus Kadern der NSDAP und anderen rechten Parteien gegründet, war jedoch lange Zeit politisch isoliert. Dabei schaffte es die FPÖ, über die Jahrzehnte ihres Bestehens hinweg gesellschaftliches Gehör zu finden und ihre Narrative im Diskurs zu platzieren.

In dieser Arbeit soll anhand dreier Beispiele aus verschiedenen Epochen der österreichischen Politik untersucht werden, inwieweit populistische Kommunikationsmuster in der österreichischen Politik genutzt werden und wie weit deren Nutzung auf traditionell nicht-populistische Parteien übergreift. Exemplarisch sollen dafür der Personenkult um Jörg Haider, die Rücktrittsrede von Heinz-Christian Strache sowie ein aktueller Fall aus dem aktuell von der ÖVP geführten Innenministerium unter Karl Nehammer betrachtet werden.

Samstag, 27. Februar 2021

Populismus auf Facebook

In diesem Beitrag stellt Louis Hakim Karl folgenden Aufsatz vor:

Spieß, Elina / Frieß, Dennis / Schulz, Anne (2020): Populismus auf Facebook – Ein explorativer Vergleich der Parteien- und Anschlusskommunikation von AfD, CDU und SPD; in: Zeitschrift für Politikwissenschaft, Heft 30/2020, S. 219-240 (Online-Version).

Der Aufsatz basiert auf empirischen Untersuchungen, in welchem Ausmaß politische Akteure populistische Inhalte online veröffentlichen. Darüber hinaus vergleichen und analysieren die Autor:innen die in Posts platzierte Parteienkommunikationen mit der Anschlusskommunikation in Form von Kommentaren auf ihren Populismusgehalt. Anschließend wird präsentiert, inwiefern der Populismus der Parteienkommunikation den Populismusgehalt der Nutzerkommentare beeinflusst.

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Webinar "Populistischen Parolen Paroli bieten"

Im Webinar „Populistischen Parolen Paroli bieten“ der Landeszentrale für politische Bildung sind noch Plätze frei! Melden Sie sich kurzfristig an!

Termin: Das Webinar umfasst drei Sitzungen à 120 Minuten 
Dienstag, 20. Oktober, 17.00 Uhr – 19.00 Uhr
Mittwoch, 21. Oktober, 17.00 Uhr – 19.00 Uhr
Donnerstag, 22. Oktober, 17.00 Uhr – 19.00 Uhr
Leitung: Ulrike Schnellbach (www.schreib-gut.de)
Kosten: 40,00 EUR
Anmeldung: christine.kuntzsch@lpb.bwl.de

„Die meisten sind keine echten Flüchtlinge, sondern wollen nur ein besseres Leben.“ „Das sind alles starke junge Männer, die es auf unsere Frauen abgesehen haben.“ „Statt zu arbeiten, nutzen sie unsere Sozialsysteme aus.“ So sprechen viele Menschen über Flüchtlinge: mit pauschaler Abwertung, die Sozialneid und Fremdenfeindlichkeit schürt. Vorurteile gegenüber Geflüchteten sind nur ein Aspekt des um sich greifenden Rechtspopulismus. Hinzu kommen Diskriminierung von Minderheiten, Rassismus, Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit, Verachtung demokratischer Institutionen und Hass auf vermeintliche „Eliten“. All das begegnet uns fast täglich bei der Arbeit, in Vereinen, auf der Straße, in den Medien oder auch im Bekanntenkreis: Menschen aus anderen Ländern, mit einem anderen Glauben oder einer anderen Lebensweise werden ausgegrenzt, verunglimpft, beschimpft.

Wie soll man darauf reagieren? In diesem Webinar entwickeln wir Strategien, wie wir Vorurteilen und Hass begegnen, Scheinwahrheiten hinterfragen und zumindest ein Nachdenken bewirken können. Denn populistische Parolen, die unwidersprochen bleiben, gefährden den gesellschaftlichen Zusammenhalt und höhlen Toleranz und demokratische Kultur aus.

Freitag, 29. Mai 2020

Panel zu Populismus und Medien

Ein Hinweis von Arjin Canpolat

2015 fand in den Räumlichkeiten der Heinrich-Böll-Stiftung in Frankfurt am Main eine Veranstaltung zum Thema "(Rechts-)Populismus in Europa - Gefahr für die Demokratie?" statt. Das folgende Video zeigt ein Panel dieser Veranstaltung, das mit "Mittel und Foren" überschrieben ist. Hierbei gehen Paula Diehl und Franziska Schmidtke auf die Bedeutung der Medien und des Europaparlaments für die Entwicklung populistischer Parteien ein.

Dienstag, 19. Mai 2020

Populisten und Corona: Kein Sündenbock, nirgends

Ein Hinweis von Sandra Keller

Patrick Sensing diskutiert in seinem Artikel "Populisten und die Pandemie: Wenn plötzlich Sündenböcke fehlen", der am 23.03.2020 auf tagesschau.de erschienen ist, die aktuelle Situation und die Auswirkungen der Pandemie auf populistische Parteien. Dabei geht er besonders auf die Strategie der Rechtspopulisten ein und betont, dass diese immer nach einem Schuldigen, einem "Sündenbock" für alle Probleme suchen.

Da sich Corona aber nicht auf ein konkretes Feindbild reduzieren lässt, fällt es Rechtspopulisten derzeit schwer, Zuspruch und Aufmerksamkeit in der Gesellschaft zu finden, was auf die in der Literatur diagnostizierte "dünne Ideologie" der Rechtspopulisten hindeutet. Folgen, die in dem Artikel genannt werden, sind zum Beispiel die Generierung von Fake News, welche jedoch kaum Anklang in der Gesellschaft finden. Dies basiert laut Sensing darauf, dass die Nachfrage nach wissenschaftlichen Fakten höher ist als nach jenen, die auf Stimmungsmache und Aufmerksamkeitssuche basieren. Zudem nimmt Sensing Bezug auf andere Länder wie Italien, England, Brasilien und die USA und analysiert das Verhalten der populistischen Parteien in der Pandemie.